Kurt Brazda

„Die nächste Dekade“

Ein Statement von Kurt Brazda

Wenn man so wie ich aufgrund meines Jahrganges aufgerufen war, an den Weichenstellungen zum Aufbau des heimischen Filmschaffens mitzuwirken, so kommt man aus dem Staunen nicht heraus, welch phänomenale Reifung und internationale Bedeutung der österreichische Film seither erlangt hat. Niemand von uns hätte damals zu hoffen gewagt, dass er zu einer derartigen Trademark werden sollte. Die Gründung der Akademie vor nunmehr 10 Jahren, an der ich auch mitwirken durfte, war eigentlich die logische Folge dieser erfreulichen Entwicklung. Sie war aber auch notwendig, um im eigenen Land jenen Widerhall zu erfahren, den unser Filmschaffen im Ausland längst erzeugt hatte.

Was sind nun für die folgende Dekade die vordringlichsten Aufgabenstellungen der Akademie?

Die Arbeitsprozesse im Film haben sich durch die Digitalisierung maßgeblich verändert. Nicht hinterfragte Sparzwänge üben auf die Filmschaffenden unerhörten Druck aus, der in den meisten Fällen in die Fron der Selbstausbeutung mündet. Die von unserer Verwertungsgesellschaft VDFS im Auftrag gegebene Studie über die soziale Lage der Filmschaffenden redet Klartext: Die Life Balance in unsere Branche stimmt schon lange nicht mehr, Privat- oder gar Familienleben findet so gut wie nicht mehr statt. Kinder? Unmöglich! Die überbordenden Arbeitszeiten und das Hecheln nach Folgeaufträgen, lassen diesen „Luxus“ nicht mehr zu. Eine für unseren Beruf adäquate Kinderbetreuung wird nicht angeboten und wäre für die meisten auch nicht leistbar.

Gesundheitsprobleme werden „verräumt“, um nur ja nicht in den Verdacht zu geraten als „Minderleister“ nicht mehr beschäftigt zu werden. Burnouts und Depressionen stehen daher im krassen Gegensatz zum trügerischen Glamourfaktor, den die Branche trotz allem noch besitzt. Letzthin haben uns wieder einige Hochqualifizierte viel zu früh verlassen, weil sie den Umständen körperlich und seelisch nicht mehr Stand halten konnten.

Die soziale Absicherung ist in einem Arbeitsfeld fragmentarischer Beschäftigung oszillierend zwischen Anstellung und Selbstständigkeit ein elementares Problem, da die gegenwärtigen Sozialversicherungsstrukturen der Arbeitsrealität nicht mehr entsprechen, ein Umstand der nicht nur in Kunst und Kultur sondern auch in zahlreichen anderen Berufen epidemisch immer spürbarer wird. Das Abgleiten in Altersarmut ist für Kunst- und Kulturschaffende ein bedrohliches Szenario, das für viele Kolleginnen und Kollegen bereits bittere Realität geworden ist, wie wir aus den zahlreichen Einreichungen bei den SKE-Fonds der Verwertungsgesellschaften ablesen können.

Das „österreichische Filmwunder“, das einstmals von der ausländischen Presse tituliert wurde, ist tatsächlich ein solches. Ein Wunder ist es nämlich, wie so viele Filmschaffende ihren steinigen Arbeitsalltag bewältigen und Jahr um Jahr spannende Filmwerke entstehen, die künstlerisch und wirtschaftlich reüssieren. Gerade im heimischen Kurzfilm bahnt sich ein junges fantasiebegabtes Potenzial an, das mutig mit brisanten und irrwitzigen Inhalten umgeht und dabei auch noch ungewöhnliche cineastische Erzählweisen entwickelt. Diesen jungen Leuten gegenüber haben wir „Erfahrenen und Etablierten“ eine besondere sozial- und kulturpolitische Verantwortung.

Was die Akademie dazu tun kann?

Die von mir beschriebenen Zustände haben eine Wurzel: Die geringe Wertschätzung von Kunst- und Kulturschaffenden als Blaupause für so viele andere zeitgeistigen Zynismen. Es geht speziell im Film darum, die Wichtigkeit ALLER am Filmwerk Beteiligten herauszustreichen, denn was wir herstellen ist fast immer das Ergebnis kollektiven Einsatzes der diversesten Fähigkeiten. Darin ist Filmschaffen schon lange Vorbild für die Arbeitswelt des 21. Jahrhunderts. Die nächsten 10 Jahre der Akademie sollten also im Zeichen der digitalen Metamorphose stehend die zahlreichen Menschen, die am Filmwerk arbeiten mehr in den Mittelpunkt rücken. Unabhängig von Politik, Gewerkschaften und Kammern, die in Sachen „Arbeitsbedingungen“ dringendst in die Pflicht zu nehmen sind, müssen wir gerade in der Akademie des Österreichischen Films die Wertschätzung unserer so vielfältigen Berufe promoten. Faire Arbeitsbedingungen sind aber ohne Selbstwertgefühl und kontinuierliches solidarisches Auftreten der Politik und Öffentlichkeit gegenüber nicht zu erreichen. Dieses Solidargefühl endlich zu entwickeln sollte gerade jetzt zum zentralen Anliegen der Akademie werden, denn in einer digital hybriden Welt können wir nur gemeinsameine menschenwürdige Arbeitswelt schaffen, in der wir nicht gegeneinander ausgespielt werden. Wir müssen nur bereit sein für einander auch Verantwortung zu übernehmen. Nur so sichern wir Berufs- und Lebensperspektiven, die wir unseren jungen Kolleginnen und Kollegen absolut schulden.

Filmemacher und Kurator Kurt Brazda ist Gründungsmitglied der Akademie des Österreichischen Films.