Ein Statement von Doris Knecht

„Wie ich mir eingestehen musste, dass ich kein guter Mensch bin, und versuchte, ein besserer zu werden."

Am 24. Jänner 2020 fand in den Räumlichkeiten der Wirtschaftskammer Wien der Tag der Akademie des Österreichischen Films statt. Im Rahmen eines Panels zum Thema Green Filming ging Autorin Doris Knecht der Frage nach, warum der Mensch sich mit guten Vorsätzen oft schwer tut – und warum Veränderung dennoch alternativlos ist.

Unlängst bin ich beim Rumzappen in einen alten Film hineingestolpert, irgendwas aus den späten 1970er Jahren, mit einem männlichen Helden am Scheideweg. Der Held ging in einer Szene des Films stark angetrunken, mit einer fast leeren Flasche in der Hand, am Meer entlang. Sonnenuntergang, ein herrlicher völlig verlassener Sandstrand, und an diesem Strand der einsame, torkelnde Mann mit der Flasche in der Hand. Ein beliebtes Bild, das ohne weiteren Kommentar Verzagtheit ausdrückt, Verzweiflung, es sagt: hier steht einer am Rande seines persönlichen Abgrunds, habt Mitgefühl.

Dann passiert in dem Film etwas, das damals, in den siebiger Jahren, dieses Symbolbild wie eine perfekte Welle komplettierte: Der taumelnde Mann wirft die leere Flasche in hohem Bogen in die Meeresbrandung. Und was passiert, wenn man das heute sieht? Das Gegenteil. Man hat man kein Mitleid mehr mit dem Mann, sondern kriegt so moralischen Eifer: He, was ist mit dir? Du kannst doch deinen Müll nicht ins Meer werfen, bist du irre? Was man als Zuseherin jetzt fühlt, ist nicht mehr die aussichtslose Verzweiflung des Mannes, sondern das schlechte Gewissen der modernen Konsumentin. Es ruft sofort die aktuellen Bilder der verschmutzten Ozeane ab, der toten Wale mit dem Plastik im Bauch. Dabei war das, wenn ich es recht in Erinnerung habe, nicht mal eine Plastikflasche, sondern eine Wein- oder Schnapsflasche aus Glas, weil man damals Getränke, glaub ich, überhaupt noch eher in Glas als in Plastik verpackte. Und die Ozeane waren noch nicht von Teppichen aus Plastikmüll bedeckt, so groß wie ganze Länder. Und vor allem sah es damals noch so aus, als ließe sich die Welt mit ein bisschen Zusammenreißen und Zusammenhalten retten, und so eine Flasche im Meer, das war kein Problem.

Aber jetzt ist es eins. Weil wir uns seither zu wenig angestrengt und nicht genug zusammengehalten haben. Es waren viele andere Dinge wichtiger als die Heilung des Planeten, Bequemlichkeit, Billigkeit, Schnelligkeit, und auf einmal sieht es so aus, als hätten wir unsere Chance verpasst. Jetzt merken wir plötzlich, dass wir schon viel früher etwas unternehmen hätten sollen, aber wir haben gedacht, ach, das ist doch nur diese eine Flasche, sollen sich bitte die darum kümmern, nämlich die, die tatsächlich und in riesigem Ausmaß für die Verschmutzung und Zerstörung und für die Erwärmung der Erde verantwortlich sind. Die Industrie, die globalisierten Konzerne, die Politik, ganze Länder, die sich nicht um eine ordentliche Entsorgung ihres Abfall und um CO2-Grenzwerte kümmern.

Und das ist natürlich richtig. Ich habe letzten Sommer für den „Standard" eine Serie geschrieben, zum Thema „Wie ich versuchte, ein besserer Mensch zu werden". Ich bekam dazu viele Reaktionen. Die Hauptkritik war: Es sei doch naiv zu glauben, dass die einzelnen Konsumenten irgendwas verändern können, dass es einen Unterschied mache, ob ich ein Plastiksackerl weniger verwende oder im Garten eine Blumenwiese anlege für die Bienen. Für das große Ganze bedeutet das gar nichts, und es lenke nur ab und entschuldige die eigentlichen Verantwortlichen. Und das stimmt natürlich auch.

Aber wir haben mittlerweile auch gesehen, was ein Einzelner bewirken, eine einzelne junge Frau, die noch vor einem Jahr mit einem selbstgebastelten Schild vor einer Schule in Stockholm saß, und jetzt vor der Uno spricht und Millionen Menschen mobilisiert, auf die Straße zu gehen, und aus Einzelnen und kleinen Gruppen eine Bewegung zu formen. Denn JA: es ist stimmt natürlich, dass die Politik handeln muss, das Kapital. Aber damit das geschieht, braucht es den Druck von unten, den Willen oder Nichtwillen des einzelnen Konsumenten, mit dem man schließlich ein Geschäft macht oder keins mehr. Boykott ist ein altes und sehr wirksames Missionierungswerkzeug. Am Anfang steht die individuelle Entscheidung, das eigene Verhalten zu ändern, diese eine einzelne Flasche nicht ins Meer zu werfen: am Ende steht die Reaktion der Konzerne.

Ich weiß nicht, wie viele Plastikflaschen pro Filmdreh ausgetrunken und weggeworfen werden, wieviel CO2 ein einziger Dreh produziert, wieviel Fleisch bei einem Film-Catering verkocht wird, wieviele Resourcen man für einen fertigen Film verbraucht. Und wahrscheinlich können wir hier in Österreich ohnehin sagen, dass unsere Filme ja nicht viel kaputt machen, im Vergleich zu dem was Hollywood und die TV-Serien-Industrie jeden Tag anrichten. Aber man kann sich halt trotzdem nicht mehr abputzen, keiner kann das mehr.

Was mir am insgesamt am Wichigsten erscheint, weil es etwas ist, durch das man immer hindurch muss, wenn man die Welt verändern will, und sei es nur die eigene kleine: Es muss einem wurscht sein, was andere denken. Ob sie das lächerlich finden, was man da macht und probiert: übertrieben, humorlos, spitzfindig, nervig oder unbequem. Das ist beim Feminismus so, und beim Planeten-Retten ist es nicht anders, aber wenn uns DAS egal wird, dann erreichen wir vielleicht etwas. Zuerst schmeißen wir diese eine Flasche nicht mehr ins Meer, dann schmeißen wir alle Flaschen nicht mehr ins Meer.